Interview mit Vanessa Ly, Bafnet Teammitglied

Unser Teammitglied und PR Managerin Vanessa Ly gab Februar 2017 ein Interview für das Referat am Institut für Afrika und Asienwissenschaften an der Humboldt Universität zu Berlin.

 

1) Wer und was ist BAFNET und warum habt ihr euch gegründet?

BAFNET das steht für Berlin Asian Film Network. Wir sind ein Netzwerk aus Filmschaffenden, Aktivist_innen und Aktuer_innen der Kunst und Kulturszene in Berlin. Gegründet wurde das Netzwerk von Anna Xian und Thuy Trang Nguyen. Anna war auf der Suche nach einem Netzwerk aus Filmemacher_innen, die ebenfalls Asiatisch sind. Da es so etwas noch nicht gab, ergriff sie die Initiative und gründete gemeinsam mit Freund_innen ein eigenes Netzwerk. Mit der Zeit sind immer mehr Menschen zu BAFNET hinzugestoßen, ich bin Ende 2012 zum ersten Mal mit BAFNET in Kontakt gekommen. Heute ist BAFNET ein großes Netzwerk. Das Orgateam wird geleitet von Anna Xian (Filmemacherin), Dieu Hao Do (Regisseur), Trang Tran Thu (Theaterproduzentin), Ngoc Anh Nguyen (Musikerin), Patrick Nadler (Schauspieler) und meiner Heiterkeit, Vanessa Ly (Aktivistin).

 

2) Wie wichtig ist die (richtige) Repräsentation von Asiat_innen in westlichen und vor allem deutschen Medien? Warum?

Tja wenn es denn überhaupt irgendeine Präsentation von „uns“ gäbe.. Nein also mal abgesehen davon, dass wir fast unsichtbar in den Medien sind, gibt es ja gar nicht die „richtige Repräsentation“. BAFNET wünscht sich viel weniger eine 1:1-Repräsentation asiatischer Lebenswelten in Deutschland (das ist schlicht nicht möglich, also realisierbar), viel mehr sind wir für die Sichtbarkeit pluraler (asiatischer) Lebensrealitäten. Wenn wir uns nicht wiedererkennen, in den fiktionalen und non-fiktionalen Medienprodukten, können wir uns nicht als Teil der Gesamtgesellschaft begreifen. Wenn wir nicht selbst sichtbar oder hörbar sind, bleiben wir die „Fremden“, die „Anderen“. Wenn es keine Auswahl an Persönlichkeiten zur Identifikation gibt, werden hegemoniale oder stereotype Bilder von Personengruppen (zB Asiat_innen, aber auch Frauen, Arbeiter_innen, Muslim_innen, etc.) resilient, sie verfestigen sich in unserem Bewusstsein über uns selbst und unsere Umwelt. Das ist dann gefährlich, wenn wir diese Bilder nutzen, um uns in der Gesellschaft zu orientieren. Denn wie Mensch hoffentlich auf seinem Lebensweg merkt, stimmen Medienrealität und gelebte Realität oft nicht überein.

Insofern müssen wir für die Medien(vor)bilder in Deutschland auf alle Fälle ein Fehlen vielfältiger und vielschichtiger Lebensrealitäten konstatieren, und eben auch die Perspektive aus der Asiatischen Diaspora wird dabei ausgeblendet. Ich glaube wenn wir es als BAFNET schaffen unsere eigene, „asiatische“ Lebenswelt mit in unsere Filmarbeit einzubringen, schaffen, wir es auch gesamtgesellschaftlich vielfältigere Lebensweisen zu erzählen und den Raum für bislang ungehörte Narrative zu öffnen.

 

3) Nachdem die Sitcom All-American Girl (1994) floppte und nach nur einer Staffel beendet werden musste, wird seit 2015 mit den Serien Dr. Ken, die jetzt in die 2. Staffel geht, und Fresh Off the Boat, die bereits in die 3. Staffel geht und sogar im deutschen TV ausgestrahlt wird, wieder das Leben von Asian Americans in den Fokus gerückt. Wie bewertet BAFNET diese Entwicklung?

Das asiatisch-migrantischen Geschichten der endlich mehr Raum gegeben wird, freut uns natürlich. Jetzt sprechen wir aber leider vom US-amerikanischen Fernsehen. Es ist schon fortschrittlich, dass Fresh Off the Boat es in die deutsche Wohnzimmer geschafft hat, dabei darf es aber nicht bleiben. Wir müssen in Deutschland unsere eigenen Geschichten erzählen, unsere eigenen Perspektiven miteinbringen können. Die Serie Fresh Off The Boat sehe ich nur als einen ersten Schritt in die richtige Richtung. Was darauf folgt bleibt abzuwarten.

 

4) Wie positioniert sich BAFNET zur kürzlich wieder aufgeflammten Kontroverse des „whitewashings“ in Hollywood-Filmen (wie z.B. The Great Wall; Dr. Strange, Ghost in the Shell)?

Also das ging gar nicht! Wir haben das mit Unbehagen verfolgt und auf Facebook angeprangert. Wenn Hollywood inklusiver wäre, hätte letztes Jahr DAS Jahr für Asian Americans in Hollywood sein können. Aber Hollywood ist nach wie vor exklusiv weiß. Und andere Communities sind mindestens genauso stark betroffen, wenn wir zum Beispiel an die Lateinamerikanischen und Schwarzen communities denken. Diese Filme sind symptomatisch für die Machtverhältnisse und Hierarchien unter denen Filme nach wie vor produziert werden. In Deutschland ist das ja auch nicht viel anders.

 

5) Was bringen Hastag-Proteste wie #notyourasiansidekick, #underratedasians, # starringjohncho oder #whitewashedout?

Auf jeden Fall schaffen sie Aufmerksamkeit und sie unterstreichen die Relevanz für einen strukturellen Wandel in der Film- und Fernsehindutrie im globalen Norden. Es ist großartig, dass auf Konsument_innenseite so ein starkes Bewusstsein und für die ungleichen Verhältnisse besteht, dass würde ich mir auch genauso auf der Produzent_innenseite wünschen. Da wir dort niemand Gleichgesinntes auffinden, müssen wir es selbst in die Hand nehmen und selber in diese Positionen kommen – denn wir sind noch nicht überall.

 

6) Warum ist die derzeitige Entwicklung (lauter werdende Stimmen von Asian Americans in Entertainment) auch für Angehörige der asiatischen Diaspora in Deutschland und die deutschen Medien relevant?

Weil wir (trotz national-kultureller Unterschiede) sehr ähnliche Unterdrückungserfahrungen und Chancenungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt, hier speziell der Filmindustrie, machen. Indem wir eine transatlantische Verbindung schaffen, können wir unsere Erfahrungen austauschen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten ausfindig machen und uns gegenseitig den Rücken stärken. Leider, so habe ich den Eindruck verpassen es die Deutschen Medien den Blick auf das eigene Land zu werfen, wenn Sie sich mit Praktiken der Fördermittel, der Rollen- und Preisvergabe von Filmen in Hollywood auseinandersetzen. Dabei wäre diese Selbstreflexion und der Vergleich sehr fruchtbar.

 

7) Wird die asiatische Community in Deutschland auch als „model minority“ angesehen? Warum?

Das ist denke ich Ansichtssache. Mit Sicherheit gibt es immer noch viele Menschen, die glauben Asiat_innen in Deutschland können alles und schaffen alles. Aber wenn du selbst in dieser Haut steckst, merkst du was für einen Druck das eigentlich aufbaut. Sich aus dieser schmalen Denkspur zu befreien ist die einzige Lösung. Denn das Klischee von Asiat_innen als Vorzeigemigrant_innen ist ganz klar rassistisch. Hier wird eine einzige Eigenschaft, nämlich die (von der Gesamtgesellschaft geforderte) leistungsbezogene Anpassungsfähigkeit gleich einer ganzen Gruppe von Menschen (hier Asiat_innen) zugeschrieben. Dies ist ein Prozess der Homogenisierung. Dabei wird völlig ignoriert, dass sich die Menschen innerhalb dieser zugeordneten Gruppe im Hinblick auf ihr Geschlecht, ihren formalen Bildungshintergrund, ihre Religion, ihre Sexualität, Behinderungen (und und und) sehr stark voneinander unterscheiden.

Außerdem ist model minority eine rassistische Delegitimationsstrategie, weil damit Asiat_innen ihre harte Arbeit und ihre Leistung, die sie vollbringen, abgesprochen wird – als seien wir qua Geburt mit Weißheit beseelt, sodass uns jede Aufgabe im Leben mit einer Leichtigkeit gelinge. Dem ist aber ganz und gar nicht so, dass kann ich dir aus eigener Erfahrung bestätigen. Wir sollten das Ganze auch noch viel weiter denken und das model minority prinzip weiterhin als eine rassistische Strategie verstehen, die versucht verschiedene migrantische Gruppen gegeneinander auszuspielen, indem sie nämlich hierarchisiert werden.

Ganz schön rassistisch nicht? Ich fang jetzt gar nicht an rassistische Äußerungen, die täglich über verschiedene communities of color fallen, zu reproduzieren, aber ich glaube du verstehst auch schon so was ich meine. Das Model Minority Prinzip wird solange präsent sein, wie Rassismus in Deutschland präsent war, ist und womöglich bleiben wird.

 

8) Was motiviert BAFNET und welche Veränderung möchtet ihr in den westlichen Mainstream Medien sehen?

Was wir fordern ist ein Strukturenbruch in der Film- und Fernsehindustrie. Wir wollen, dass People of Color und andere unterdrückte soziale Gruppen in den deutschen Medien präsenter vor wie auch hinter der Kamera sind. Durch Selbstgestaltung, Selbstbeschreibungen und nicht Fremdzuschreibungen schaffen wir eine plurale Medienlandschaft, eine gerechtere Teilhabe in der Film-und Fernsehindustrie, auf dem Arbeitsmarkt und in der Bildung als Ganze. Wir wollen uns in der deutschen Mainstream Medienlandschaft wiederfinden können. Ich denke meine Antwort zu Frage 2 knüpft hier gut an.

Was uns motiviert ist unsere Leidenschaft für Filme und Storytelling. Und ich merke ganz stark in unserem Orga-Team, dass unser Wunsch nach Veränderung im Deutschen Film und Fernsehen, unser Bedürfnis gesellschaftspolitisch etwas zu verändern und unser aller Bewusstsein für Gerechtigkeit uns motiviert, uns antreibt und uns Kraft gibt. Wenn wir merken, dass wir damit sogar immer mehr Menschen erreichen, die unsere Veranstaltungen besuchen oder anders mit uns in Kontakt treten, gibt mir das persönlich nur noch mehr Zuversicht nicht aufzugeben und weiterzumachen.

 

Zum Abschluss noch ein paar Worte zu meinem (Selbst)-Verständnis:

Ich habe mich mit der Zeit entschieden im BAFNET nicht nur zu konsumieren, sondern auch zu organisieren und zu produzieren. Denn im BAFNET sehe ich, dass die Filmarbeit im Fokus steht. Dabei wird die Perspektive, aus der Filmemacher_innen Geschichten erzählen nie vergessen. Was wir im Netzwerk gemeinsam haben ist die gelebte Vielfalt der asiatischen Diapora. Diese können wir nicht ausblenden, wenn wir Geschichten filmisch erzählen. Denn kein Film, keine Fernsehsendung, kein Bericht lässt sich losgelöst von dem Blickwinkel der/des Medienschaffenden auf die Gesellschaft betrachten. Jedes Medium das produziert wird ist meiner Ansicht nach immer ein Produkt der Weltsicht der Person, die das Medium kreiert. Wir bleiben immer inhärent unserem eigenen Blickwinkel verhaftet – das ist Fluch und Segen zugleich.

 

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